Engelskuss – „Gilde der Jäger“Autor: Nalini Singh Titel: Engelskuss – „Gilde der Jäger“ Ausgabe: Klappenbroschur Umfang: 432 Seiten ISBN: 978-3-8025-8274-5 Verlag: Egmont LYX
KlappentextIn einer Welt voller Schönheit und Blutgier, in der Engel über Vampire und Sterbliche herrschen, soll die Jägerin Elena einen abtrünnigen Erzengel aufspüren. Schon bald kann sich Elena dem Reiz, den ihr Auftraggeber Raphael auf sie ausübt, nicht mehr entziehen. Und während sie bei ihren Ermittlungen auf eine Mordserie von unfassbarem Ausmaß stößt, führen Raphaels Berührungen Elena an den Rand des Abgrunds. Denn im Spiel der Erzengel zahlen die Sterblichen den Preis. GedankenDas Genre Fantasy erfreut sich großer Beliebtheit und wohin gegen Fantasyromane vor einigen Jahren noch belächelt wurden, sind sie heute mit allen Subgenres als „salonfähig“ zu bezeichnen und für alle Zielgruppen vertreten. Nicht zu Letzt durch die Verfilmung von J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“-Epos und des Erfolgs der Werke einer anfangs unbedeutenden Außenseiterin namens J. K. Rowling, die mit ihrem Zauberlehrling Harry Potter ein neues Fantasyuniversum geschaffen hat und inzwischen rund um den Erdball bekannt ist. Die Genres Highfantasy und All-Age Fantasy sind längst keine unbekannte Größen mehr im hart umkämpften Büchermarkt. Aber vor allem Stephenie Meyer ist es wohl zu verdanken, dass der Leser im Moment von einer wahren Welle von „Fantasy-Romantic“ überschwemmt wird. Denn ihre Twilight-Saga steht in vielen der aktuellen Werke Pate. Sie und viele Nachahmer haben damit ein neues Subgenre der Fantasy geprägt: Romantasy. Die Liebe zwischen Mensch und übernatürlichem Wesen ist angesagt – Vampire haben Hochkonjunktur. Doch sind längst nicht alle Werke, die einem vorgesetzt werden, auch wirklich lesenswert. Der Wunsch vieler Autoren und Verlage ein Stück vom Kuchen ab haben zu wollen, sorgt leider auch dafür, dass einige Werke unfertig und die Geschichten in groben Zügen abgekupfert, wenn nicht gar blass und langweilig erscheinen. Deswegen war auch meine anfängliche Skepsis gegenüber einem weiteren Liebes-/ Vampirroman dem entsprechend wirklich groß. Doch zu Unrecht wie sich herausstellte, denn der Autorin Nalini Singh und dem Lyx Verlag ist es mit dem Werk „Engelskuss“ gelungen eine Nische zu finden. Meine MeinungDas Werk „Engelskuss“ ist der erste Band einer geplanten Fantasyreihe rund um die Jägerin Elena Deveraux. Das Cover ist ansprechend in den Farben Grau und Blau gehalten und zeigt auf der oberen Hälfte des Titelbildes eine unbekannte Schönheit (vermutlich die Protoganistin Elena) und auf der unteren Hälfte die Skyline von New York – dem Handlungsort der Geschichte. Die Augen der Schönheit stechen durch ihre intensive braune Farbe und der Betonung durch Glanzpunkte extrem hervor und ziehen einen direkt in den Bann des Buches und auch der Titelzug „Engelskuss“ in einem strahlenden Rot hebt sich deutlich von der restlichen Gestaltung ab. Für mich ein Cover, das dazu animiert das Werk aus dem Regal zu nehmen – gelungen würde ich daher sagen. Als Einleitung hat sich die Autorin entschieden einen typischen Fall der Jägerin zu beschreiben – nämlich das Einfangen eines abtrünnigen Vampirs. Damit stellt sie ihre Hauptfigur direkt in der Geschichte vor und verzichtet dabei auf eine lange Einführung der Person Elena. Und obwohl dieser Fall nicht wirklich im Zusammenhang mit dem Rest der Handlung steht, ist es der Autorin gelungen auf nur wenigen Seiten die Figur der Elena vorzustellen, nahtlos an die eigentliche Handlung anzuschließen und den Leser neugierig auf die kommenden Kapitel zu machen. Insgesamt kann man sagen, dass sich die Autorin nirgends lange auf Kleinigkeiten besinnt, sondern dem Buch einen sehr straffen Handlungsrahmen gibt. Negativ auffallende Längen hat sie gekonnt vermieden, was sicherlich ihre Erfahrung beim Schreiben mitbringt, denn Engelskuss ist nicht das erste Werk der Autorin. Sie schreibt konsequent schnell und direkt und erzeugt dennoch Kopfkino beim Leser. Neben dem Subgenre „Romantasy“ lässt sich der Roman auch in das Subgenre „Urban Fantasy“ eingliedern, denn obwohl die Autorin eine ganz eigene Welt erschaffen hat, ist der Schauplatz unsere Erde – genauer gesagt ein neu gestaltetes, alternatives New York City. In der Welt der Jägerin Elena Deveraux herrschen machtvolle Erzengel über die Erde, welche die Welt unter sich aufgeteilt haben. Ihnen zur Seite stehen Engel und außerdem befinden sich Vampire in ihren Diensten, die sie selbst erschaffen haben. Die übernatürlichen Wesen leben Seite an Seite mit den Menschen und nicht, wie wir das bisher meist aus der Literatur kennen, im Verborgenen. Menschen spielen für die übernatürlichen Wesen nur eine sekundäre Rolle. Es ist aber dennoch nicht ungewöhnlich, dass sich die übernatürlichen Wesen mit den Menschen vereinen, oder dass ein Vampir einen Menschen heiratet. Neben dem sexuellen Aspekt sind Menschen für Vampire die Nahrungsquelle. Für die Erzengel und Engel sind Menschen nur eine Nebensächlichkeit, allenfalls Spielzeuge, mit denen man sich eine zeitlang beschäftigt und deren man sich dann entledigt, aber auch „Gefäß“ für die Schaffung neuer Vampire. Es gibt eine kleine Riege von Jägern „die Gilde“, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, abtrünnige Vampire ihren Engelsbesitzern zurück zu bringen. Denn obwohl die Vampire für ihre Erschaffung und der damit verbundenen Unsterblichkeit einen Vertrag mit den Engeln abgeschlossen haben, gibt es immer wieder einen unter ihnen, der sich gegen diesen Vertrag stellt und flüchtet bzw. einem Blutrausch verfällt. Und genau so eine Jägerin der Gilde ist die Hauptperson Elena, deren Leben sich fast ausschließlich um ihre Arbeit als Jägerin dreht – bis sie direkt von einem Erzengel beauftragt wird. Eine an sich einfache Handlung, die den Leser aber durch den gelungenen Wechsel von knisternder Erotik und schrecklichen Geschehnissen schnell in seinen Bann zieht. Die Welt ist detailliert beschrieben und man kann sich die einzelnen Schauplätze, Charaktere und Begebenheiten sehr gut vorstellen. Die Autorin schafft es gekonnt Fantasy, Liebe, Erotik, Krimi und Thriller in einem Roman zu verknüpfen und nimmt dabei wahrlich kein Blatt vor den Mund. Elena ist liebenswert und aufrichtig, aber auch dickköpfig und stur. Sie lässt sich so schnell nichts gefallen und will immer „Herr der Lage“ sein. Elena hat ihre eigenen Werte, ihre eigene Vergangenheit und hält nichts vom Ränkespiel der Mächte. Sie hält sich - trotz ihres Berufs - von den übernatürlichen Wesen weitestgehend fern. Denn obwohl es ihre tägliche Aufgabe ist abtrünnige Vampire zu fangen, würde sie sich niemals emotional auf einen der Vampire oder gar den Auftraggeber einlassen, was ihr von den Kollegen scherzhaft den Titel „Jungfrau“ eingebracht hat. Neben Elena bestreitet der arrogante, gnadenlose und erbarmungslose, aber auch überirdisch schöne und anziehende Erzengel Raphael die Handlung, der über New York herrscht und Elena für einen ganz bestimmten Fall engagiert hat. Er ist es gewohnt alles zu bekommen was er will, wenn nötig auch mit roher Gewalt oder Beeinflussung der Gedanken des Gegenübers. Von Anfang an spürt man ein Knistern zwischen ihm und Elena, wobei er ihr mehr als einmal deutlich macht, dass nach Beendigung des gemeinsamen Falls nur zwei Alternativen für Elena zur Auswahl stehen: das Löschen aller ihrer Erinnerungen oder der Tod. Für Elena steht es außer Frage, für was sie sich entscheiden möchte. Nie würde sie vor einem Engel oder Vampir kriechen, nie als Spielzeug zur Verfügung stehen. Raphael, dem Herrscher von New York, stehen „die Sieben“ zur Seite – eine Gruppe aus Engeln und Vampiren, die ihm vorbehaltlos und loyal zur Seite stehen. Allen voran der Vampir Dimitri, der Elena mehr als nur einmal töten möchte. Dimitri ist sich seiner sexuellen Anziehungskraft auf Menschen bewusst. Als „alter“ Vampir hat er die Waffe einen begehrlichen Geruch abzusondern und so den Willen des Opfers zu brechen. Er benutzt die Menschen als Sexspielzeug und Nahrungsquelle; auch Elena will er in dieser Reihenfolge benutzen. Und nicht nur hier droht Elena deswegen auch immer Gefahr „aus den eigenen Reihen“. Der Gegenspieler von Elena und Raphael ist Uram – ein Erzengel, der seine Macht missbraucht und Menschen auf bestialische Weise ermordet. Er will die absolute Herrschaft über die Erde an sich reißen und sprengt dafür alle Grenzen. Es ist die Aufgabe von Elena ihn aufzuspüren, denn nur sie allein hat eine angeborene Fähigkeit, die ihr den Beruf der Jägerin aufgebürdet hat. Auch wenn der Plot durchgehend in der dritten Person geschrieben ist, wechseln die verschiedenen Perspektiven immer wieder zwischen Elena, Raphael und dem Widersacher Uram, was die Spannung deutlich erhöht und dem Leser Informationen gibt, welche den Akteuren noch verborgen sind. Die Autorin schafft ein neues Bild von Engeln und Vampiren und bricht mit ihrer Handlung schon fast ein Tabu. Wohingegen Vampire schon immer eine sexuelle Anziehungskraft auf den Menschen ausgeübt haben, stellt sie die Engel in ein ganz neues Licht. Engel sind reine, friedfertige, liebenswerte und vor allem asexuelle Wesen. Natürlich kennen wir alle die Geschichten vom gefallenen Engel Luzifer, aber ist er doch eher die Ausnahme vom „sauberen Bild der Engel“. Singhs Engel sind von Macht besessen, rücksichtslos, brutal, unberechenbar und sexuell aktiv – sie behandeln ihre Untergebene wie Marionetten, austauschbar und ohne irgendwelche Bindungen. Ein Widerspruch zu allem was man über Engel zu wissen glaubt. Neben der sexuellen Spannung im Buch legt die Autorin auch einen Hang zu Brutalität und Blutrünstigkeit offen. Der abtrünnige Erzengel Uram schlachtet seine Opfer auf bestialische Weise ab und die Autorin scheut sich nicht, dies auch auf diese Weise ausführlich darzustellen und die Opfer bis ins Detail zu beschreiben. Nicht nur die Protoganistin Elena hat des Öfteren den Wunsch verspürt sich zu übergeben - so ist das Werk sicher nichts für all’ zu schwache Nerven. Das Ende ist großartig. Der erwartete Showdown zwischen Elena, Raphael und Uram ist spannend, wie es sein muss der Höhepunkt der Geschichte und somit ein gelungener Abschluss des ersten Bandes. Auch hält die Autorin für den Epilog noch eine Überraschung für den Leser bereit. Auch hat die Autorin durch das Buch hinweg immer wieder Kleinigkeiten einfließen lassen, deren weitere Ausführung in vielen weiteren Bänden sicher Verwendung finden und den Hunger nach mehr schüren. Ein Fantasywerk gepaart mit Erotik, die sexuelle Spannung ist greifbar - damit hat die Autorin ihre Nische gefunden. Sie legt ihre Geschichte nicht auf ein breites Zielpublikum aus und lässt ein bisschen von „Allem“ in ihr Werk einfließen, sondern konzentriert ihre Handlung auf eine bestimmte Leserschaft: junge Erwachsene und Erwachsene des weiblichen Geschlechts. Sicher wird sie hier auf eine treue Fangemeinde treffen. Auch wenn man der Autorin hier schon fast vorwerfen muss, dass sie sich dabei zahlreicher Klischees bedient. Wie etwa, dass jede Frau – egal wie selbstbewusst und stark sie ist – sich den herkulischen Beschützer an ihrer Seite wünscht, der sie vor allen Gefahren bewahren kann. FazitPures, spannendes und leidenschaftliches Lesevergnügen von der ersten bis zur letzten Seite. Ein gekonnter Mix aus bestialischer Brutalität und knisternder Erotik und der gelungene Auftakt zur neuen Reihe. Die Autorin besticht mit vielen neuen und kreativen Ideen, einem konsequenten direkten Schreibstil und einer meist unvorhersehbaren Handlung. Nalini Singh schreibt die Geschichte der Engel neu. Zu guter LetztMal wieder ein Buch, das ich in wenigen Stunden verschlungen habe. Das Lesevergnügen hält daher nicht lange an, was in diesem Fall aber nicht negativ zu bewerten ist – im Gegenteil. Ich freue mich schon sehr auf den nächsten Teil, denn es dürstet mich zu wissen, wie es mit Elena und Raphael weiter geht. |