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Horus

Mystery-Thriller von Wolfgang Hohlbein
Titel: Horus
Verlag: Lübbe
ISBN: 978-3-7857-2257-2
Ausführung: Hardcover
Umfang: 702 Seiten
Genre: Krimi, Horror, Mythologie

Klappentext

London, 1888. Ein Schiff läuft in den Hafen ein. Der einzige Passagier an Bord ist eine Frau - rätselhaft, anmutig wie eine Katze und mit einer Haut schwarz wie die Nacht. Sie nennt sich Bast und sagt, sie sei nach London gekommen, um ihre Schwester zu suchen. Doch das Rätsel um Bastet, so ihr eigentlicher Name, geht viel tiefer. Ihre Familie ist alt, sehr alt. Einst hat man sie als Götter verehrt, noch immer sind sie mehr als gewöhnliche Sterbliche, und ihre Gefühle sind übermenschlich. Liebe treibt sie, Hunger brennt in ihnen, und Hass legt sich über die Stadt wie die dunklen Schwingen eines riesigen Falken. Und während des Nachts ein Mörder durch die nebligen Gassen von London schleicht, entbrennt in den unterirdischen Kanälen ein Kampf zwischen Mächten, die so alt sind wie die Menschheit. Vergessen Sie alles, was Sie bislang über Jack the Ripper und die altägyptischen Götter wussten! Wolfgang Hohlbein gibt auf unnachahmliche Weise Einblick in seine ganz eigene Interpretation beider Legenden.

Leseprobe

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Inhalt

Bast reist als einziger Passagier auf einem alten Schiff von Ägypten nach England; vordergründig um ihre Schwester Isis zu suchen, die sich in den Hauptstadt des Empires aufhalten soll. Der Kapitän des kleinen Seelenverkäufers indes verschafft seiner Hauswirtin einen netten Nebenverdienst, in dem er seine Passagiere an deren kleine Pension vermittelt – so auch Bast.

Dort angekommen wird Bast herzlich von der gottesfürchtigen Mrs. Walsh aufgenommen, die feste Wertvorstellungen vom Leben hat und vom lasterhaften Leben mancher weiblicher Mitbürger so überhaupt nichts hält. Ihre Weltanschauung gerät durch Bast deutlich ins Wanken, denn nach und nach muss sie feststellen, dass Bast nicht wirklich in ihr Bild einer ehrenwerten Dame passt und als diese dann noch das Hurenmädchen Cindy in ihr Haus bringt, ist sie Not amused.

Noch weniger gefallen Mrs. Walsh, deren Besuche in den einschlägigen Vierteln von London, wo sich Basts Schwester Isis aufhalten soll und wo Bast mehr als einmal um die eigene Haut fürchten muss. Denn in einer heruntergekommenen verdreckten Kneipe, in der sich sowohl Huren, Gauner und Missetäter, scheinbar aber auch so mancher Edelmann aus der Londoner Society vergnügt, trifft sie auf eine gewalttätige Verbrecherband, die ihr alles andere als wohl gesonnen sind.

Auf ihrer Suche nach Isis kommt Bast dem Serienkiller Jack the Ripper gefährlich Nahe, der in den dunklen entlegenen Gassen von Whitechapel Jagd auf Huren macht, um deren innere Organe zu entfernen (wie es im alten Ägypten schon bei der Mumifizierung praktiziert wurde) und zu ermorden. Irgendwie scheint Bast selbst in die Morden verstrickt zu sein, denn immer ausgerechnet die Frauen gehören zu den Opfern des Ripper, zu denen Bast Kontakt hatte. Was den Scotland Yard Inspektor Abberline auf den Plan ruft.

Um einen Schritt aufeinander zu zugehen gehen Mrs. Walsh und Bast ins Ägyptische Museum. Dort bekommen beide eine erste Ahnung davon, was in den nächsten Tagen auf sie zukommen wird. Sie treffen in den Lagern des Museums auf zwei Verwandte von Bast (u. a. den falkenköpfigen Gott Horus) und dann bricht die Hölle bricht für sie los …

Bast gerät in einen Strudel von Gewalt, Willkür, Erpressung und Intrigen – aber auch von hartnäckigem Schweigen und das alles zwischen dunklen nebligen Gassen, verruchten Bordellen, heruntergekommenen Hafenspelunken und einem unterirdischen Labyrinth. Sie muss einen Krieg gegen Götter führen, die so alt sind wie die Menschheit selbst.

Hauptperson – Bast

Bast ist die Hauptperson des Romans. Rein auf das Buch bezogen kann sie durchaus liebenswert und hilfsbereit sein. Sie kämpft für ihre Überzeugungen und weiß sich zu behaupten. Sie scheint einen alten Krieg gegen ihre Mitgötter zu führen, wobei allerdings nie ganz klar wird, um was es dabei eigentlich genau geht. Rein die Motivation die Menschheit zu bestrafen für den Raub von Kunstschätzen und Grabschändung durch die alten ägyptischen Göttern ist zwar durchaus ein viel versprechender Ansatz, der allerdings noch einiger Ausführung bedarf, die im Buch schlichtweg fehlt.

Was mir deutlich missfallen hat ist, dass ist ihre Figur nicht ausgereift scheint, sondern durch zahlreiche Ungereimtheiten umgeben wird, was sie zwiespältiger und leider auch in sich unlogisch macht. Normalerweise sind die Figuren von Hohlbein rund um durchdacht – gerade zu Perfekt in ihrer Handlungs- und Denkweise und spätestens im Geschichtsverlauf kann man sich mit dem Charakter identifizieren. Bast hingegen wirkt meist äußerst unsympathisch auf mich.

Sie wird als übermächtig dargestellt (eine ehemalige Göttin eben – zumindest sollte sie das sein); allerdings tritt sie alles andere als Gotthaft auf und unterliegt gerade zu sämtlichen menschlichen Schwächen und Lastern. Sie macht „einen Fehler nach dem anderen“, was auch im Buch selbst immer (und immer wieder) geschrieben wird.

Ihre sagenhaften Fähigkeiten (u. a. Gedankenkontrolle) werden durch die gesamte Geschichte hinweg immer wieder angedeutet. Trotzdem kommen diese Fähigkeiten kaum zum Einsatz – im Gegenteil erlahmen ihre göttlichen Kräfte immer wieder und regenerieren gar auf wundersame Weise „plötzlich“ doch noch, obwohl auf 10 Seiten vorher beschrieben war, dass es jetzt endgültig aus sei.

Zu dem scheint sie reichlich hilflos zu sein und stolpert zusehends durch die Geschichte hindurch, wodurch die Suche nach Isis, der Kampf der alten Götter und die Morde des Rippers irgendwie nur nebensächlich erscheinen.

In ihren Denksequenzen regt sie sich selbst darüber auf allen zuviel zu erzählen, nur um auf der nächsten Seite gerade so weiter zu machen. Mehr als einmal hatte ich den Wunsch ihr einfach eine Ohrfeige zu verpassen und sie vor die Wahl zu stellen nun entweder wirklich mal ihren Mund zu halten oder einfach alles zu erzählen - und nicht diese halbgaren Andeutungen mit dem Kommentar, dass sie jetzt aber nicht „noch“ mehr erzählen dürfe.

Der Autor berichtet häufig von ihrem inneren „Tier“ (= Sachmet, der dunkle Teil ihrer Persönlichkeit), das ständig Hunger hat und „an seinen Ketten zerrt“ um frei zu kommen. Man erwartet einen Rundumschlag, ein großartiges Geschehen, die Explosion des Hauptcharakters und will natürlich das „Tier“ entfesselt sehen, aber es geschieht hier rein gar nichts Erwähnenswertes. Die aufgebaute Spannung dahingehend wird in keiner Weise sauber zu Ende geführt. Der Leser wird enttäuscht.

Bast selbst ist im Buch immer wieder über sich entsetzt – ich auch …!

Nachtrag: Ein wenig erinnern der „Hunger“ und die „Innere Bestie“ von Bastet an Wolfgang Hohlbeins Romanreihe der Vampyr. Auch dass die alten ägyptischen Götter sich von der Lebensenergie der Menschen ernähren, eine verlängerte Lebenszeit haben und nur schwer zu töten sind, lässt einen Hauch von Vampirismus zu.

Meine Meinung

Bereits auf den ersten Seiten ist man ohne viel einstimmende Worte mitten im Geschehen. Die Hauptfigur Bast erreicht London und wird direkt im Hafen schon das erste Mal angegriffen – von einem Falken. Nur ihrer übermenschlichen Reaktion ist zu verdanken, dass sie nicht schwer verletzt wird. 

Der Leser fragt sich nun: Wer ist diese Bast, deren Name soviel Ähnlichkeit mit dem Namen der Göttin Bastet hat? Wie sind ihre geradezu übernatürlichen Fähigkeiten zu Erklären? Handelt es sich bei Bast gar um die legendäre Katzengöttin höchst persönlich?

Weiter ist natürlich die Frage, wer ihr so kurz nach ihrem Eintreffen in London bereits nach dem Leben trachtet - eine weitere alte Gottheit? Unterstützt wird diese Vermutung nämlich durch die Tatsache, dass der Angriff ausgerechnet durch einen Falken erfolgte; denn Horus (die Gottheit, welche Namensgeber für das Werk ist) wird im Allgemeinen mit einem Falkenkopf dargestellt.

Und dieser lässt auch nicht all zu lange auf sich warten, verfolgt Horus doch seine ganz eigenen Ziele. Denn er, Sobek und dessen „Schoßhund“ wollen den Frevel von der Entweihung alter Stätten und deren Schändung rächen.

Wolfgang Hohlbein verknüpft in Horus ägyptische Gottheiten mit dem viktorianischen England im Jahre 1888. Eine Jahr in welchem der Serienmörder „Jack - the Ripper“ sein Unwesen treibt. Ein Killer, der im lasterhaftesten Viertel von London Huren ermordet und ihre inneren Organe entfernt. Auch im alten Ägypten war eine solche Vorgehensweise gebräuchlich, denn dort wurden bei der Einbalsamierung der alten Pharaonen die Organe entnommen und in so genannten Kanopen aufbewahrt. Ein Indiz dafür, dass hinter der Maske von Jack the Ripper ein ägyptischer Gott steckt?

Hohlbein ist es gelungen das London des 19. Jahrhunderts perfekt einzufangen. Er beweist sein Gespür für realistische Darstellung mit durchaus anprangerndem Charakter der damaligen Missverhältnisse in den Elendsvierteln. Er beschreibt die Situation der Not leidenden Bevölkerung, von Sklaverei in einem aufgeklärten Land und gibt Seitenhiebe auf die Perversion der High Society, die er unauffällig anbringt, aber deren Tragweite schnell klar wird. Auch verwebt er wahre Begebenheiten der Ripper Morde in sein Buch, u. a. die Ripper Briefe und das Kreide Graffiti.

Hohlbein konzentriert sich ganz auf seinen Erzählstrang und hält sich dabei nicht damit auf etwaige Sichtweisen von Randpersonen auszuführen, was der Handlung das nötige Tempo verpasst. Auch bleiben überzogene Abschweifungen von der geschichtlichen Vergangenheit der Götter aus. Diese sind stattdessen als teilweise amüsante und kurze Rückblenden verpackt.

Dagegen reicht aber die Storyline dennoch nicht aus, um die 700 Seiten mit geballter Action zu Füllen, wie wir das von Wolfgang Hohlbein gerne hätten. Das führt zu einer einerseits temporeichen Geschichte, in der aber auch deutliche Längen zu finden sind, was die Geschichte insgesamt etwas zähflüssig erscheinen lässt. Bsp. liest man ständig wie, wann und wer den Tisch deckt und was es zu Essen gibt – und das wobei Bast wohl lange ohne Essen auskommt und sie eigentlich nie mitessen möchte. Allerdings dann doch irgendwie für England der damaligen Zeit wieder passend: „Wir haben ein Problem, also trinken wir erst mal einen Tee.“

Das Buch ist durchzogen von vielen kleinen Höhepunkten, wobei sich der große Aha-Effekt auf den großen Showdown am Ende des Buches konzentriert. Allerdings fand ich den Schluss enttäuschend, in sich stellenweise unlogisch und die Zusammenhänge nicht klar erkennbar.

Wobei das Buch einerseits durchaus actionreich geschrieben ist, kommt man doch nicht umhin sich über einige Ungereimtheiten den Kopf zu zerbrechen und auch so manche Schwächen sind offensichtlich. Logikfehler wie man Beispielsweise Bast „an den Haaren“ ins obere Stockwerk schleifen kann, wo sie ihre Haare doch abrasiert hat; Zitat: „eine dritte Hand krallte sich in ihr Haar“.

Und außerdem bleiben viele Fragen offen:

Wie wählte der Ripper seine Opfer aus? Warum hat er seine Opfer ausgeweidet und was ist mit den Organen geschehen? Was genau sind die Motive von Horus und Sobek? Warum stehen sich die Götter so feindselig gegenüber? Warum wurde der Kutscher auf diese Weise ermordet? Warum hat sich Bast die Haare abgeschnitten (was eigentlich unwichtig ist, aber warum wird das im Buch immer wieder erwähnt?) Welche Rolle spielt Munros? Wie weit geht seine Korruption bzw. bestätigt sich diese überhaupt? Hat er einen Pakt mit Horus und Sobek geschlossen, so wie darauf hingedeutet wird? Und warum überhaupt handeln die Charaktere so, wie sie es tun? Warum kommt Patsy (Nameswahl wg. Spoiler) zum Showdown und warum konnte man sie so einfach töten? Und noch viele weitere mehr…

Die Zusammenhänge scheinen nicht ausgereift, eine logische Erklärung ist für den Leser nicht immer ersichtlich und noch viel weniger sind die Verknüpfungen nachzuvollziehen. Innerhalb des Buches gibt es zahlreiche im Ansatz gut ausgedachte Spannungsbögen, die in der Mitte aber meist abbrechen und deren Ende meist eher schlecht als recht ausgeführt werden.

Meiner Meinung nach sieht es ein wenig so aus, als ob das Buch eine Rohfassung ist, die einfach zu früh veröffentlicht wurde. Ein Werk, das durch eine weitere Überarbeitung des Autors und ein gutes Lektorat sicher ein ganz hervorragender Roman geworden wäre. Vielleicht stand ja die Deadline des Verlags im Weg, um das Buch vollends reifen zu lassen. Was auch die zahlreichen (und für Hohlbeinwerke untypische viele) Rechtschreibfehler und die teilweise störend langen verschachtelten Sätze erklären würde.

Die Grundidee der Storyline ist meiner Meinung nach brillant, wenn auch nicht ganz neu – aber wie gesagt, man hätte deutlich mehr aus der Idee herausholen können!

Die Fehde zwischen Göttern, ein wahnsinniger Serienmörder,
eine dunkle und neblige Kulisse und zwielichtige Figuren….
das hätte als Stoff für ein Meisterwerk gereicht!

Nichts desto trotz ist Hohlbein großes Kopfkino gelungen. Nicht selten hatte ich das Gefühl in die von ihm beschriebene Welt einzutauchen und am Geschehen teilzuhaben. Er schreibt in einer bildgewaltigen Sprache und regt die Fantasie des Lesers an, wie es kaum ein Autor kann.

Fazit

Eingefleischte Hohlbeinfans werden dem Werk weniger abgewinnen können, allerdings als Pflichtlektüre dennoch lesen.

Für alle Anderen: der Roman lädt zu kurzweiligem Vergnügen ein, ist für ein paar verregnete Nachmittage auf dem Sofa bestens geeignet und bietet Unterhaltung mit einer Mischung aus den Genres Kriminalfall, Horror und Mythologie. Ein Geniestreich darf allerdings nicht erwartet werden.

Zu guter Letzt

Das ist nach „Die Tochter der Himmelsscheibe“ ein weiteres Buch, das mich von Wolfgang Hohlbein eher enttäuscht, als begeistert hat. Schade!

Das Werk ist insgesamt lesenswert, aber eher mittelmäßig anzusiedeln.

 
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